Die hedonistische Tretmühle

„Wenn ich diese und jene Klamotten kaufe, bin ich glücklich.“ „Wenn ich erstmal das Auto habe, dann ist alles gut.“ „Wenn ich mir nur so viel leisten könnte wie XY, dann wäre mein Leben viel toller.“

Ich habe mich in den letzten Wochen sehr viel mit diesen Gedankenmustern beschäftigt. Angespornt von dem Willen, für ein eigenes MacBook und eine nächste größere Reise zu sparen, habe ich mir oft zweimal überlegt, ob ich diesen Kaffee und jenes Drogerieprodukt nun wirklich brauche.

Gerade gestern hatte ich wieder ein einschneidendes Erlebnis – ich war morgens 4 Stunden mit dem Zug unterwegs. Vor dem ersten Umstieg überlegte ich mir, dass ich mir einen Tee und eine Zeitung kaufen werde („Es macht mich immer glücklich, wenn ich auf Zugfahrten Zeitung lesen kann“). Dabei hatte ich allerdings einen Aspekt nicht beachtet – es gab gerade gar keine für mich interessante Zeitschrift, die nicht gleich 6-7 Euro gekostet hätte. Und ich kaufte mir trotzdem eine, weil ich diesen Aspekt in dem Moment nicht reflektierte und ja fest davon ausging, dass mich diese Zeitschrift glücklich machen würde. Tat sie natürlich, sondern war nur lästiges Gepäck, dass ich nun auch noch mitschleppen musste.

Und diese Erfahrung habe ich nicht zum ersten Mal gemacht. 


Früher war ich einer dieser Menschen, die nur im Sale shoppen gegangen sind und dann gleich 1000 Teile gekauft haben, „weil ja alles so günstig ist“. Und dann war mein Kleiderschrank irgendwann rappelvoll, ich wusste nicht mehr, was ich alles besaß und war genervt von zu wenig Platz und vom Chaos im Schrank. Ich mistete im Zuge meines Auszugs aus Dresden meinen Kleiderschrank mal richtig aus und warf 2/3 der Klamotten weg oder verschenkte sie. Man, war das ein wohltuendes Gefühl. Jetzt wusste ich, was sich alles im Kleiderschrank befand und besaß auch wirklich nur noch die Klamotten, die ich regelmäßig trug.

Irgendwo las ich dann mal von einem interessanten Prinzip: immer wenn ich mir ein neues Teil kaufe, muss ich dafür ein altes Teil verschenken/verkaufen. Das probierte ich aus und stellte fest, dass man sich unter diesem Gesichtspunkt wirklich zweimal überlegt, ob man diese Jeansbluse jetzt wirklich noch braucht.

Mittlerweile halte ich mich nicht mehr strikt an dieses Prinzip, aber ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass es eine Achtsamkeit beim Kauf neuer Produkte in meinem Kopf geschaffen hat.

Nun habe ich meinen Konsum in den letzten Monaten gesenkt und bin damit auch in 99% der Fällen glücklich geworden. Oft geht es einem nämlich viel besser, wenn man nicht noch den Lippenstift mitnimmt, den man eigentlich gar nicht braucht. Und wenn man dann doch nach zwei, drei Tagen feststellt, dass man ihn aber gern hätte, dann kann man ja immer noch losgehen und ihn kaufen.

Als ich gerade in meinem guten Plan geblättert habe, bin ich auf das Prinzip der Hedonistischen Tretmühle aufmerksam geworden. Diese beschreibt einen Gewöhnungseffekt, der eintritt, wenn man einen Glücksmoment (z.B. den Kauf eines neuen Kleidungsstückes) erlebt hat. „Das Glücksgefühl verflüchtigt sich erstaunlich schnell. Das liegt daran, dass unser Gehirn nicht dafür ausgelegt ist, ständig Glückshormone abzufeuern, ohne neue positive Reize zu bekommen.“

Hast du dich also gerade noch über deinen neu erworbenen Pulli gefreut, muss schon die nächste Belohnung her. 

Ist das nicht eine so einschneidende Wahrheit? Gibt das nicht so viel Anlass, den eigenen Konsum mal zu überdenken?

Ich für meinen Teil kann auf jeden Fall sagen, dass mich Momente, in denen mein Leben im Einklang ist, langfristig glücklich machen. Und dies in viel größerem Umfang als das 27. graue Oberteil 🙂

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