Was es bedeutet, mit einer Essstörung zu leben

Diesen Text zu verfassen hat mich einiges Zögern gekostet. Ich war schon oft kurz davor, über dieses sensible Thema zu schreiben, aber irgendwie war meine Angst vor komischen Blicken dann doch immer zu groß. 

Im letzten Post habe ich dazu geraten, sich verletzlich zu zeigen, und das möchte nun auch ich tun.


Wer mich in den letzten Jahren erst kennengelernt hat, wird wohl nicht darauf gekommen sein, dass ich es mit einer Essstörung zu tun habe. Naja okay, ein bisschen seltsam ist es schon, wenn ich auf einmal 300gr Gummibärchen in mich reinfuttere, aber das passiert zum Glück nur noch selten. Ansonsten bin ich immer die Person, die von Diäten abrät und ganz eindeutig dafür plädiert, dass man das essen sollte, wonach einem ist. Und diese Einstellung lebe ich auch. Mit einigen wenigen Ausnahmen. Aber dazu später mehr.


2009. Ich war immer dieses gertenschlanke Mädchen, eher zu dünn in den Augen vieler Menschen. Ich konnte essen, was ich wollte, und habe mir auch wenig aus gesunder Ernährung gemacht. ’ne Dose Pringles war da schon mal ein gutes Mittagessen. 

Und dann fing ich Anfang 2009 an, die Pille zu nehmen. Wie viele andere Mädchen nahm auch ich schnell an Gewicht zu und erreichte erstmal eine schöne frauliche Figur. Diese schöne frauliche Figur fand ich aber schnell gar nicht mehr so schön und so nahm ich mir im Sommer vor, 5 bis 10 Kilo abzunehmen. Mit meinen damals 58kg auf 1,78m hätte mir schnell klar sein können, dass das nicht gesund ist. Aber das war mir egal. 

Schnell rutschte ich ab und aß nur noch einen Apfel zum Mittagessen und eine Schale Diät-Cornflakes zum Abendessen, während ich täglich meine Joggingrunde drehte. Und so schnell wie ich jedes Gramm Fett verlor, verlor ich auch jeglichen Verstand. 

Während andere 15jährige ihr Leben genossen, machte ich mir meins selber schwer und war auch ziemlich schnell körperlich heruntergekommen, Wasser im Herzen inklusive.
Im Oktober zog mein Hausarzt die Reißlinie – Gott sei Dank. Ich wurde aus meinem Umfeld gezogen und, was für mich damals der Horror war, entpuppte sich ziemlich schnell als einzig mögliche Konsequenz. So erlangte ich innerhalb von 3 Monaten ein annehmbares Gewicht von 50kg zurück und holte mir ein einigermaßen gesundes Eigenverständnis zurück.


Eigentlich ging es seitdem inklusive ein paar Höhen und Tiefen konsequent bergauf. Zum Glück! Wenn ich sehe, wie einige Mitpatienten von mir noch heute gegen diesen Teufel in ihrem Kopf ankämpfen und wie viele Menschen es auf der Welt schon aufgrund von Essstörungen erlegt hat, dann zieht sich alles in mir zusammen. Zum Glück hatte ich damals einen Arzt, dem dieses Thema so sehr am Herzen lag. Zum Glück hatte ich Eltern, die mich ganz schnell aus diesem Loch holen wollten. Zum Glück hatte ich Freunde, die mir in dieser, für eine 15jährige untypischen Phase den Rücken stärkten und zum Glück hatte ich einen Freund, der mich in dieser Situation nicht allein gelassen hat. 


Das alles sind Menschen, für die ich unglaublich dankbar bin und ohne die ich nicht so schnell wieder gesund geworden wäre.

Aber was heißt gesund, wenn man mit einer Essstörung lebt? Ich glaube, im Gegensatz zu einem Menschen mit einem normalen Essverhalten wird es immer Phasen geben, in denen einen dieser Teufel wieder einholt. 

Ich habe nun seit gut 6 Jahren Normalgewicht. Klar schwankt das ab und zu, aber seitdem habe ich ein Gewicht von 55kg nie unterschritten und die 65kg selten überschritten. Bis auf eine Ausnahme. Ich hatte eigentlich immer genug Zeit, mich um meinen Körper zu kümmern und habe mich gesund ernährt und viel Sport getrieben. Damit habe ich mich über 5 Jahre auch wohl gefühlt. Und dann erreichte mich letztes Jahr ein Tief. Mit ganz schön viel Stress und einigen emotionalen Tiefschlägen war der Sommer einfach nicht schön und ich habe innerhalb von 2 Monaten 10 bis 15 Kilo zugenommen. 10 bis 15 Kilo. Ich habe mich so geschämt. Was für jeden „normalen“ Menschen schon nicht schön ist, war für mich das Gefühl des absoluten Versagens.


Wenn man seinen Wert über das Gewicht misst, dann ist man in so einer Situation am Ende. Aber genau dann kann und muss man lernen, dass das Gewicht eben nicht das Attribut ist, das einen Menschen wertvoll oder wertlos macht. 

Ich habe diesen Tiefschlag zum Glück überstanden und habe seit gut 1,5 Jahren mein normales Essverhalten zurück. Klar gibt es Tage, an denen viel Stress herrscht – da esse ich dann unendlich viele Süßigkeiten in mich rein und fühle mich am nächsten Tag furchtbar. Aber es gibt auch Tage, die stressig sind, an denen mein Essverhalten kaum beeinflusst wird. Und das sind die Tage, auf die ich stolz bin, und für die ich gern kämpfe. Denn im Gegensatz zu früher kann ich mir nun eine Cola gönnen, weil ich darauf Lust habe, und Schoki essen, weil sie meiner Seele gut tut. 


Es ist nämlich nicht so einfach, wenn man an einer Essstörung leidet, „nur mal eben ein Stück Schoki zu essen“. Oft lebt man unter der Devise „ganz oder gar nicht“. Und genau das ist der Punkt, der einen wahrscheinlich das Leben lang begleitet. Dass man lernt, alles in einem Maß zu genießen, solange es einem gut tut. Im Gegensatz zu einem Menschen mit einem normalen Essverhalten wird es immer Phasen geben, in denen einen dieser Teufel wieder einholt. Man darf ihn nur nicht so laut werden lassen. 


Wenn du jemanden kennst, dem es schwerfällt, normal zu essen, dann gib ihm immer wieder das Gefühl, dass er ein toller Mensch ist, egal wie viel er isst. Und wenn du derjenige bist, dem es schwer fällt, normal zu essen, dann sei ab und zu stolz auf dich, dafür, dass du schon einige schwierige Situationen gemeistert hast und darauf, dass du ständig weiter kämpfst, um dein Leben nicht an diese Essstörung zu verschenken. Das bist du wert. ♥

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Das hast du sehr schön geschrieben. Ich hatte letztes Jahr durch ein Trauma bedingt eine ähnliche „Tiefphase“ (BMI 14, juhu!).

    Inzwischen geht es wieder bergauf, und darüber bin ich sehr froh! Ich hatte zum Glück, so wie du, sehr liebe Menschen um mich. Das war äußerst hilfreich.

    Ich danke dir für den Beitrag und wünsche dir alles Gute 🙂

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    1. Kira sagt:

      Liebe Anna,

      vielen Dank für deine lieben Worte! Ich freue mich, dass es dir wieder besser geht und wünsche dir ebenfalls alles Gute ❤

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      1. Vielen Dank für die guten Wünsche 🙂

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  2. Hallo,
    sehr gut und authentisch geschrieben. Ich wünsche dir weiterhin die nötige Kraft.
    Viele Grüße
    Michaela

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    1. Kira sagt:

      Liebe Michaela,
      danke für deine lieben Worte!
      Ich wünsche dir ebenfalls alles Gute 🙂

      Liebe Grüße
      Kira

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  3. Nessa sagt:

    Was für ein schöner Text! Danke dafür 🙂

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