Wie ich mich mit meiner Essstörung angefreundet habe

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Sechs fucking Jahre hat es gedauert. Sechs Jahre lang hat mich meine (damalige) Magersucht beeinträchtigt und mich manche wunderbaren Momente einfach nicht genießen lassen. Sechs Jahre, die ich, wenn ich jetzt zurückschaue, so viel besser hätte nutzen können. Und doch kann ich sagen, dass wir, die Essstörung und ich, mittlerweile Freunde sind. Nicht immer, aber immer öfters.

Bevor sie mich damals „erwischte“, aß ich Eierkuchen zum Mittag, Pizza zum Abendessen und trank Cola noch und nöcher. Und das ohne jegliches schlechtes Gewissen. Dann kamen diese sechs Jahre, in denen jede Mahlzeit mit einem riesigen Haufen Gedanken einherging, in denen ich mir ständig den Kopf zerbrach, ob ich zu der Geburtstagsparty gehe, um dann doch hinzugehen und danach mit unglaublich schlechtem Gewissen im Bett zu liegen, weil ich einfach zu viele Chips gegessen hatte. Ja, fast jedes Mal führte so eine Feier zu einem Fressanfall und fast jedes Mal lag ich danach im Bett und wollte am nächsten Tag einfach nicht mehr aufstehen.

Wenn ich jetzt darauf zurück blicke, wie viele negative Emotionen mich diese Zeit gekostet hat. Und dazu war ich (die letzten drei Jahre davon) nicht mal außergewöhnlich schlank. Ein ewiger Kreislauf…

Irgendwie konnte das so nicht weitergehen, aber irgendwie hatte ich auch gar keine Hoffnung mehr, dass es irgendwie anders werden könnte. Ich kannte es ja mittlerweile schon fast nicht mehr anders. Jedes Mal, wenn ich bei meinen Eltern saß, und es mittags Eierkuchen gab, konnte ich nichts davon essen, ohne danach ein absolutes Chaos im Kopf zu haben. So wollte ich das absolut nicht mehr.

Als dann im Sommer 2015 die Kehrtwende kam, habe ich diese nicht ansatzweise als solche wahrgenommen. Da ich im Zuge meiner damals psychisch ziemlich schweren Phase erstmal zunahm, hatte ich damit natürlich zu kämpfen (mehr kannst du hier nachlesen). Allerdings habe ich in diesem Zug auch nochmal eine Therapie gemacht und mich viel mit dem Thema Intuitives Essen auseinander setzt.

Intuitives Essen bedeutet, dass man sein Bewusstsein für Hunger- und Sättigungssignale schärft. Das bedeutet, dass man jederzeit das isst, worauf man Lust hat, dass man aber auch dann aufhört, wenn man satt ist und nur dann auf die Lebensmittel zurückgreift, wenn man gerade wirklich konkret Hunger auf sie hat (dazu kann ich dieses Buch nur empfehlen, auch wenn der Titel trügerisch ist).

Ich würde nicht sagen, dass von Anfang an alles so geklappt hat, wie ich es mir gewünscht habe, aber ich habe nach und nach einen Weg gefunden, mir auch mal einen Schokoriegel oder Eierkuchen zum Mittag zu gönnen und danach eben nicht sofort in einen Fressanfall zu verfallen.

Mittlerweile klappt das eigentlich fast immer ziemlich gut. Gestern Abend zum Beispiel habe ich mit meinem Papa im Sonnenuntergang eine Pizza genossen und heute Mittag Eierkuchen verspeist und mich nach beidem gut gefühlt. Ich habe aber auch beide Male an der Stelle aufgehört zu essen, als ich satt war. Außerdem war ich in der Zwischenzeit eine schöne Runde laufen  (was ich nicht getan habe, um Kalorien zu verbrennen (!)), sodass Bewegung und Ernährung in Balance sind.

Diese Balance klingt vielleicht für manche Menschen so völlig normal, aber für mich war es verdammt langer Weg, wieder dort anzukommen. Ich bin richtig happy darüber, dass es jetzt so ist und das mein Leben sich nicht mehr nur nach meiner Ernährung richtet. Ich bin richtig happy, dass ich nun jede Einladung annehmen kann, und auch damit leben kann, wenn ich mal einen Abend ein bisschen mehr nasche. Ich bin richtig happy, dass ich einfach das Gefühl habe, im Gleichgewicht zu sein.

Was mir auf diesem Weg sehr viel geholfen hat und was ich anderen Betroffenen nur raten kann, ist, regelmäßig Dinge zu tun, die das Bewusstsein für das Körpergefühl schärfen und uns zur Ruhe kommen lassen. Massagen, Sauna, Yoga, andere Sportarten. Wer gut auf seinen Körper hören kann, wird auch nie große Gewichtsprobleme haben.

Und gerade für all die Menschen, bei denen die Ernährung vom Stresslevel beeinflusst wird, ist es enorm wichtig, ab und an mal runterzufahren und sich voll und ganz den Körpersignalen zu widmen.

Ich würde nicht sagen, dass ich mittlerweile komplett geheilt bin – und das wird wohl auch nicht mehr passieren. Aber auch an schlechten Tagen weiß ich, dass es bald wieder besser wird und versuche der Essstörung die Hand zu geben und zu verstehen, warum sie sich gerade mal wieder zeigt. Und damit sind wir zu einer Einheit geworden 🙂

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