Zu viel fühlen

Kennst du dieses Gefühl, manchmal von deinen Gefühlen überwältigt zu sein? Die Emotionen anderer zu sehr wahrzunehmen? Einfach zu viel zu fühlen?

Letzte Woche arbeitete ich abends an der Bar unseres Hostels, als plötzlich ein Mann in den Raum kam. Die Stimmung war bis dato sehr entspannt, jeder genoss gemütlich sein Bier und eine angenehme Atmosphäre lag in der Luft.
Er kam also rein und plötzlich veränderte sich die Stimmung – zumindest für mich. Ich spielte gerade mit Matt eine Runde Billiard, als er mich fragte, ob ich in der nächsten Runde gegen ihn spielen würde. „Na gut“, dachte ich mir – Billiard spielen macht mir super viel Spaß. Er wollte um Geld spielen, doch ich bevorzugte ein einfaches Spiel aus Spaß. Also fingen wir an zu spielen – beziehungsweise ich. Er hatte sich direkt zu Anfang des Spiels parallel in eine Diskussion mit einer anderen Reisenden verwickelt. Während er sich also ausgiebig über den Sinn von Frauen auf dieser Welt ausließ, wartete ich und wartete und wartete. Dass er nicht nur in jeder Runde fragte, ob er nun ’striped‘ oder ’solid‘ sei, sondern auch jedes Mal erwähnte, dass er mir sonst was bezahlen würde, wenn ich gewinnen würde – gegen ihn hätte schließlich noch nie jemand gewonnen – machte mich schon ein bisschen wütend, da ich ein Problem mit großer Selbstüberzeugung habe. Als er dann aber anfing, in respektlosestem Ton ein Plädoyer darüber zu halten, dass Frauen nur dafür da wären, Kinder auf die Welt zu bringen und die Weltbevölkerung zu vergrößern, war ich geschockt. Es gab eine hitzige Diskussion zwischen ihm und einer amerikanischen Frau, die eben keine Kinder haben möchte – er wollte sich auf keinem Weg auf die Intention seines Gegenübers einlassen. Während die Stimmung also immer aggressiver wurde, bildeten sich Tränen in meinen Augen. „Ich muss an die frische Luft“, dachte ich mir, und war froh, als er die schwarze Kugel – versehentlich mitten im Spiel – versenkte. Auf dem Balkon ging es mir nach ein paar tiefen Atemzügen zum Glück wieder besser und trotzdem war ich geschockt, was so ein Streit zwischen anderen Menschen in mir auslösen konnte. „Vielleicht ist es gar nicht der Streit, sondern einfach seine respektlosen Aussagen, die mich so wütend machen“, kam mir in den Sinn. Allerdings hatte ich diese Gefühlsexplosion schon öfters – auch wenn keine respektlosen Äußerungen getroffen wurden.

Fünfzehn bis zwanzig Prozent der Menschen sich hochsensibel. Hochsensibel sein – das bedeutet ausgeprägtere Sinne zu haben als andere Menschen. Das heißt empfindlich sein gegenüber zu lauten Geräuschkulissen, gegenüber zu vielen visuellen Impressionen, gegenüber den eigenen, zu starken Gefühlen – und eben auch gegenüber den Gefühlen anderer Menschen.
Manchmal halte ich es kaum aus, in großen Menschenmassen zu sein. Manchmal überwältigen mich die Stimmungen anderer Menschen und übertragen sich schnell auf meine Stimmung. Manchmal bin ich überfordert mit meinen eigenen Gefühlen.

„Hochsensibilität ist aber schon ein krasser Begriff“, denkst du dir jetzt vielleicht. Klar ist es – stimme ich dir zu. Letztendlich ist es auch nicht wichtig, ob man nun wirklich hochsensibel ist oder einfach nur verstärkt sensibel. Eine richtige Diagnose kann eh schwer erteilt werden.

Man sollte nur wissen, wie man sich in solchen Momenten schützen kann, und ein reflektiertes Verständnis dafür bekommen, welche Situationen man besser meidet.
Mir hilft es ungemein, meine Gedanken in solchen Momenten runterzuschreiben oder mit anderen Menschen zu teilen. Möglichst mit den Menschen, die dafür Verständnis haben oder dieses Gefühl sogar selbst kennen – ich möchte mich einfach nicht anders oder falsch fühlen. Manchmal brauch ich ein bisschen mehr Zeit für mich oder einen Moment voller Ruhe, nachdem ich in großen Menschenmassen unterwegs war. Manchmal trinke ich lieber keinen Kaffee oder Alkohol, weil das meine Gefühlslage zu sehr verstärkt.

Manchmal macht es mich aber auch froh, Situationen verstärkter wahrnehmen zu können. Die frische Luft am Morgen zu riechen und bewusst zu genießen, Gewürze intensiver zu schmecken, positive Gefühle noch stärker wahrzunehmen. Hochsensibel sein kann auch ein Geschenk sein!

PS: Wenn du dich in diesem Text wiedererkennst, kann ich dir nur ans Herz legen diesen Podcast anzuhören. Laura hat den Nagel mal wieder auf den Kopf getroffen 🙂

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