Mit dem Handgepäck nach Frankreich

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Es ist Freitagmorgen, 4 Uhr, als mich anstelle meines Weckers der schrillende Klingelton meines Handys weckt. Noch stark am Träumen, brauche ich erstmal ein paar Minuten, bis ich verstehe, dass meine Freundin, mit der ich heute nach Frankreich reise, nur sichergehen wollte, dass ich auch wach bin. Schlaftrunken begebe ich mich ins Bad meiner Freundin und putze mir die Zähne. 15 Minuten später stehe ich mit meinem Henschelrucksack und gepunkteten Socken in meinen Birkenstock auf der Straße und bewundere den stark leuchtenden Mond.

Viel zu früh komme ich an der Straßenbahnhaltestelle an und bin doch froh, als wir uns am Flughafen in den Arm nehmen, und alles gut geht. Trotz endloser Schlange vor der Handgepäckkontrolle und trotz Übermaßen unseres Handgepäcks werden wir problemlos durchgeschickt und sitzen um 5:30 Uhr am Gate, beide noch halb am Schlafen. Wir sind erleichtert, dass wir nicht draufzahlen müssen: war es doch schon schwierig genug, sich für 10 Tage auf einen nicht allzu großen Rucksack begrenzen zu müssen. Ein paar Tage später stelle ich doch fest, wie einfach das Leben ist, wenn man nicht zu viel Last mit sich rumträgt.

Als wir in Bordeaux landen, ist es noch früh am Morgen und herrlich ruhig. Am Nationalfeiertag, der heute stattfindet, schlafen wohl alle ein bisschen länger. Wir haben keine Lust, 8€ für den Shuttle vom Airport zum Hauptbahnhof zu bezahlen und haben kurzerhand Glück, dass für 1,50€ auch ein normaler Bus fährt. Im Zentrum von Bordeaux beziehen wir unser süßes kleines Airbnb-Zimmer und machen uns dann auf den Weg, um etwas zu frühstücken. Direkt am Ende der Straße findet der Capucins Marche statt, einer der bekannten Essensmärkte in Bordeaux. Für uns gibt es einen Milchkaffee und typisch französisches Gebäck, bevor wir am Tag ein bisschen die Stadt erkunden. Am Abend, nachdem uns ein kurzer Mittagsschlaf wieder aufgemuntert hat, hören wir auf den Ratschlag unseres Vermieters und machen uns auf in Richtung Garonne, wo ein Feuerwerk stattfinden soll. In der Abendsonne legen einige Bordeauxaner‘ Tanz- und Musikshows hin und feiern diesen für sie ganz besonderen Tag. Von dem Vorfall, der heute genau ein Jahr her ist, merkt man zum Glück nichts. Nach zwei Gläsern Rotwein und französischem Käse lassen wir uns vom Feuerwerk und den unendlichen Menschenmassen beeindrucken und fallen nach 30000 Schritten müde ins Bett.

Samstagmorgen wachen wir auf und können kaum glauben, dass es schon 11 Uhr ist. Wir verlassen das Airbnb und machen noch ein paar Besorgungen bei gut 32°, bevor es am späten Nachmittag in Richtung Moliets geht. Schon als wir die Gegend mit dem Auto durchqueren, fühle ich mich wie früher, im Sommerurlaub. Draußen laufen kleine Familien rum, junge Erwachsene fahren mit dem Skateboard herum und gefühlt jeder Mensch hat ein Eis in der Hand. So leicht fühlt sich das Leben wunderbar an!

Auch das Camp gefällt uns sofort richtig gut. Wir stehen mit den Füßen im Sand und werden gleich lieb begrüßt, bevor es auch schon Abendessen gibt. An diesem Abend, an dem wir uns zunächst den Kopf zerbrechen, wie wir am besten in Kontakt mit den anderen Menschen kommen, ahnen wir noch nicht, was für wundervolle Verbindungen wir zu manch anderen Leuten dort aufbauen werden. Und ist der erste Abend auch erstmal richtig angelaufen, haben wir ganz schnell vier nette Jungs aus der Schweiz und vier Engländer kennengelernt, mit denen wir die restliche Woche viel Zeit verbringen werden.

Am nächsten Morgen werde ich um 8 von den ersten Sonnenstrahlen im Zelt geweckt. Pure Zufriedenheit fühle ich, liege ich doch eigentlich nur auf einer kleinen Matratze in einem einfachen Zelt. Aber irgendwie fühlt sich das so leicht an. Während mir zuhause morgens oft schnell viel zu viele Dinge in den Kopf kommen, die ich zu erledigen habe, oder über die ich mir Sorgen mache, fühle ich mich in diesem Moment einfach nur unbeschwert und freue mich auf den Tag, ohne einen Plan zu haben, wie er aussehen wird.

Nach einem guten Frühstück (mit Himbeeren im Müsli!) machen wir uns nach der Wetsuit-Ausgabe auf zum Strand. Kaum verlassen wir das Campinggelände und treten auf die Straße, die uns zum Meer führt, erinnere ich mich an früher, wenn ich als Kind zum Strand lief und einfach nur glücklich war. So glücklich bin ich auch jetzt.
Nach dem ganzen Tag am Strand haben wir um 4 unsere erste Surfstunde, nach der wir ganz schön erschöpft sind und uns der erste kleine Sonnenbrand plagt. Zum Glück grillen wir heute Abend!

Die nächsten Tage sehen ganz ähnlich aus: früh aufstehen, ausgiebig frühstücken, am Strand liegen, Volleyball spielen, surfen, in der Hängematte liegen, sich auf dem Balance Board versuchen, Tischtennis spielen, lesen, beim nahegelegenen überteuerten Supermarkt Eis & Pfirsiche kaufen, zum Abendessen den ersten Wein trinken. Ab und an mal Yoga und ab und an mal zum Sonnenaufgang surfen gehen – klingt wie pures Glück und fühlt sich meistens auch so an. Manchmal gehen mir zu viele komische Gedanken durch den Kopf, aber auch das will ich akzeptieren. Zum Glück bin ich mit einer Freundin hier, die sich bedingungslos alle Zweifel anhört und mit der ich meine Gedanken schnell wieder in die richtige Richtung lenken kann. Das ist eben das Schöne an diesen Reisen: man lernt sich selbst noch viel besser kennen und verlässt immer wieder aufs Neue die Komfortzone.

Einen Tag, da läuft das Surfen nicht und irgendwie stelle ich mich selbst in Frage: habe ich das alles hier überhaupt verdient? Was gestattet mir, dass ich diesen Sommer so viel reisen darf? Ich bekomme ein schlechtes Gewissen und fühl mich nicht gut. Und was innerlich gerade nicht im Reinen ist, klappt auch äußerlich nicht. Ich bin ganz schön traurig und ärgere mich, dass ich in diesem Moment das Paradies um mich herum nicht genießen kann, und trotzdem lasse ich mich nicht hängen. Das lohnt sich, denn dann passiert etwas Wunderbares: durch Zufall lerne ich im Camp noch zwei neue Menschen kennen, wovon einer in den nächsten Tagen ganz schön wichtig wird.

Wenn ich etwas in den letzten Monaten gelernt habe, dann ist es, dass man unglaublich schöne Verbindungen aufbaut, wenn man sich selber besser kennt. Wenn man sowohl seinen Wert als auch die eigenen Werte kennt, dann findet man plötzlich viel mehr Menschen, die so sehr zu einem passen, dass man sich schon wundert. So traurig es dann auch manchmal ist, dass man nach einer Reise dann wieder loslassen muss, so sehr lohnt es sich dennoch.

Als ich heute Nachmittag im Bus sitze, von Hamburg zurück in meine Heimat, sehe ich mir noch einmal die Fotos an, die wir geschossen haben, und lasse die letzten 10 Tage Revue passieren. Ich fühle in diesem Moment nur Glück. Glück, weil ich mich durch diese Reise wieder weiterentwickeln durfte, und weil es wieder so viele kleine Wunder gab, die wir durchleben durften. Glück, so eine wundervolle Freundin an meiner Seite gehabt zu haben. Glück, weil dieses Leben so unendlich schön sein kann und weil diese Welt einfach so viele unendlich schöne Orte und Menschen zu bieten hat. Glück, dass alles erleben zu dürfen.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. dorie sagt:

    Sehr schöne Eindrücke, die Bilder sind toll 🙂 klingt nach einer tollen Reise.
    Liebe Grüße, Dorie
    http://www.thedorie.com

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    1. Kira sagt:

      Liebe Dorie,
      vielen Dank für deine lieben Worte!
      Einen wunderbaren Start in die Woche dir 🙂
      Kira

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