Ein Traum wird wahr

Wir schreiben einen Sonntag im letzten Herbst, als ich in meinem kuscheligen Bett sitze, eine Tasse Tee in der Hand habe und nach Masterstudiengängen recherchiere. Schon am Ende meines Bachelors war mir klar, dass ich gern noch einen Master dranhängen möchte. Aus meinem Gapyear wurden dann jedoch schnell mal 1,5 Jahre, bis mir bewusst wurde, dass ich einen Master ganz bald in Angriff nehmen möchte, weil ich mich erstens nicht allzu sehr an das Berufsleben und dazugehörige finanzielle Vorzüge gewöhnen wollte und zweitens einfach nochmal Lust auf ein freieres Leben hatte.

Ich schaute mir so vierzig bis fünfzig verschiedene Masterstudiengänge an – denn ganz klar war mir noch nicht, was es genau werden sollte. Ein Soziologiemaster (den ich ohne große Probleme an meinen Soziologiebachelor hängen hätte können) sollte es auf jeden Fall nicht werden, und so wurde mir schon bei der Recherche öfter als mir lieb war bewusst, dass es wohl nicht ganz einfach werden würde mit der Zulassung. Ich schwankte zwischen BWL-lastigen HR-Mastern und Psychologiemastern hin und her (die alle Zulassungskriterien enthielten, die ich natürlich nie ganz erfüllte), als ich an jenem Sonntag ganz zufällig auf ein Angebot der Uni München in Kooperation mit der University of East London stieß. „Applied Positive Psychology and Coaching Psychology“ hieß der Master, der es mir von der einen auf die andere Minute total angetan hatte, und der nicht mehr aus meinem Kopf verschwinden wollte.

Wochen und Monate vergingen, bis ich Anfang des Jahres nach offizieller Kündigung wieder zurückkehrte zu meiner Masterrecherche. Zwischenzeitlich hatte ich viel Zeit und Motivation investiert in das Bewerbungsverfahren für einen berufsbegleitenden Master in Münster im Bereich Coaching. Nach einem Auswahlgespräch erhielt ich Wartelistenplatz Nummer 1, was wochenlang ziemlich an meinen Nerven zerrte, und schließlich wurde es (leider) nichts. Leider, weil ich damals ganz schön traurig war, hatte dieser Master doch perfekt zu meinen Interessen und meiner weiteren Planung gepasst. Leider in Klammern, weil ich nun weiß, dass etwas viel Besseres auf mich warten sollte.

Es wurde also Februar, langsam März, und ich befand mich auf den letzten Metern im Job und fing an, mich zu bewerben. 2 Bewerbungen an deutsche Unis schickte ich raus, während doch ständig dieser Master in London in meinem Kopf rumschwirrte. Ich hatte bereits im Januar schon mit einem Motivationsschreiben angefangen, aber da ich irgendwie nie so richtig zufrieden damit war, und es mir auf Englisch auch schwerer fiel, als die deutschen Motivationsschreiben, die ich bisher so angefertigt hatte, kam ich irgendwie nicht so richtig weiter.

Parallel hörte ich mir aber ständig Motivationspodcasts an, und egal, wann und wo, in meinem Kopf blieb mein größter Traum immer dieser eine Master. Irgendwann wagte ich es, aus diesem Traum ein Ziel zu machen, und bewarb mich immerhin mal.

Bis die Bewerbung wirklich fertig war, ich alle nötigen Dokumente (die für mich am Anfang teilweise unerreichbar schienen) zusammenhatte und auch mein Motivationsschreiben endlich in einem für mich zufrieden stellenden Zustand waren, war es Anfang Mai. Ich saß in Südafrika in der Lobby des Hostels, in dem ich arbeitete, und war so erleichtert, als es Freitagnachmittag war, und ich die Bewerbung nach gefühlten 32772571247579 Stunden endlich abschicken konnte.

Ein paar Tage später fuhr ich nach Stellenbosch, saß in einer Studentenkneipe, hatte bereits ein halbes Bier intus (was bei 30 Grad Außentemperatur und nicht wirklich viel Grundlage vorher schon seine Wirkung zeigte) und kam, warum auch immer, auf die Idee, mein Emailfach zu öffnen. Und da war sie plötzlich, eine Email von der University of East London! Ich kann jetzt noch spüren, wie sich mein ganzer Magen verkrampfte, als ich realisierte, dass das jetzt möglicherweise mein Ablehnungsbescheid war. Ehrlich gesagt hatte ich mir nie große Hoffnungen gemacht, und trotzdem wollte ich jetzt doch nicht eine Absage sehen. Ich öffnete die Mail und musste fast losbrüllen, als ich die ersten Zeilen las:

„Dear Mrs Kira Schlegel, Congratulations! We are delighted to inform you that we are offering you a place…“

Da saß ich also, allein am anderen Ende der Welt und konnte mein Glück nicht fassen. Und dann las ich weiter…

„…to the conditions outlined in the Offer Letter which is attached to this email“

Anhang geöffnet: deutscher Bachelor mit mindestens 2,0 („puh, okay, hab ich gerade so“) + Toefl-Test mit mindestens 87 Punkten. „Nee oder?“, dachte ich mir, hatte ich den Toefl doch gerade ein Jahr davor mit 85 Punkten absolviert. Oh man. Vorübergehend warf ich alle meine positiven Gedanken ins Wasser…

Am nächsten Morgen entschied ich mich, eine Mail zur Uni zu schreiben, um zu erklären, dass mir letztes Jahr 2 Punkte gefehlt haben und ich nun gerade in Südafrika 6 Wochen Englisch spreche und ob das nicht reichen würde. Natürlich nicht, das hatte ich mir schon fast gedacht… „Sorry, but you need to score at least 87 points to complete the formal conditions.“ Na toll, dachte ich mir. Noch einen zweiten Toefl-Test machen? Nochmal knapp 250 Euro hinblättern, um dann vielleicht nicht mal die 87 Punkte zu erreichen? Ich zweifelte so sehr und entschied mich, das Thema erstmal bei Seite zu legen, bis ich wieder zurück in Deutschland war.

Auch zurück in Deutschland blieben die Zweifel nicht aus. Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Ist es dieser Master wirklich wert, soviel Aufwand und nun auch noch Geld hineinzustecken? Ich überlegte und überlegte, und dann saß ich am Donnerstag vor Pfingsten im Flixbus nach Hause, hörte den Podcast „Wieso du nicht schon vorher wissen musst, wie es funktioniert“ von Laura und plötzlich war es klar: ich melde mich nochmal für den Toefl an.

Die nächsten Wochen verbrachte ich wirklich täglich 5-6 Stunden am Schreibtisch (hätte ich so einen Ehrgeiz mal zu Schulzeiten gehabt!), bis dann Ende Juni der Test in Berlin stattfand. Hamburg war natürlich schon ausgebucht, aber hey, diese Hürde würde mich jetzt nicht aufhalten. Der Toefltest in Berlin war absolviert und ich war erstmal zufrieden – zufrieden, dass ich es hinter mir hatte. Ich beschloss nicht weiter darüber nachzudenken und genoss so die 1,2 Wochen bis ich eines Nachmittags auf der Terrasse meiner Eltern lag, als eine Email vom Toefl-Center reinflatterte. Da war er wieder: der enorm hohe Puls, der zusammengekrampfte Magen. „Jetzt ist es soweit: entweder die ganze Mühe hat sich gelohnt oder es war alles umsonst“. Ich öffnete die Mail und sprang vor Glück nur noch in die Luft: ich konnte die 100 Punkte-Marke sogar knacken, die ich mir vorher als Ziel in mein Tagebuch geschrieben hatte. So ein Glücksgefühl!!!

Und dann saß ich tagelang hier zuhause und hatte auf einmal wieder größte Zweifel. Jetzt war der Studienplatz greifbar nah und ich hatte plötzlich so Angst: wie soll ich das alles überhaupt finanzieren? Schaffe ich das? Ist das nicht alles eine Nummer zu groß für mich? Ich bat einige Menschen in meinem Umfeld um Rat und hörte nochmal sämtliche Podcasts. Zu guter Letzt griff ich zu dem Weg, der sich bis dato immer als richtiger bewiesen hatte: ich traf meine Entscheidung „in Bewegung“. Es war Samstagabend, meine Eltern waren nicht zuhause, also schnappte ich mir das Auto von Papa und fuhr ein bisschen im Harz rum und ließ meinen Gedanken freien Lauf: und wieder fiel es mir wie Schuppen von den Augen: DAS IST DEIN TRAUM, KIRA. MACH DAS!

Seit diesem Tag habe ich nicht einmal an dieser Entscheidung gezweifelt. Seit diesem Tag saß ich aber unzählige Stunden vor dem PC und war nicht selten kurz vor einem Nervenzusammenbruch, weil es immer eine neue Hürde gab. Erstmal eine Unterkunft finden. Hunderte an Formularen ausfüllen. Und das leidige Thema: wie finanziere ich den ganzen Spaß? Ich weiß immer noch nicht genau, wie ich die Studiengebühren bezahle. Stipendienabsagen, Bafög-Bürokratie, ich hatte so oft einfach keine Lust mehr. Tausend Mal ging es auf und ab. Und doch vertraue ich einfach, weil ich weiß, dass es gut wird, und kann sagen: ich fange in nicht mal mehr einer Woche meinen Master in London an und bin damit meinem Herzen sowas von gefolgt. „Do what is right, not what is easy“. Und nun bin ich ganz schön stolz. Und ganz schön gespannt 🙂

Natürlich werde ich auch weiterhin über meine Erfahrungen berichten und mein Leben in London mit dir teilen.

Ich hoffe, es geht dir gut ❤

Deine Kira

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