Im Leiden liegt Potenzial zum Glück

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Glück: das bedeutet im offensichtlichen Sinn erstmal Zeit mit den liebsten Menschen zu verbringen, in den Urlaub zu fahren, sich etwas zu gönnen, einfach das Leben zu genießen. In der Positiven Psychologie ist das das sogenannte „hedonic wellbeing“. Lange glaubte man, dass Menschen, die die meisten solcher Glücksmomente erleben, diejenigen sind, denen es am besten geht. Mittlerweile hat sich eine zweite Seite von Glück aufgetan: „eudaimonic wellbeing“. Diese Art von Wohlbefinden beschreibt das Gefühl, das man empfindet, wenn man einen Sinn in seinem Leben sieht, wenn man seinen Platz im Leben gefunden hat. Es geht also mehr um das langfristige Glück, dass auch durchaus parallel mit kurzfristigem Leiden auftreten kann.

Ich glaube, es ist uns natürlich gegeben, dass wir uns erstmal gegen Leid sträuben. Ist ja auch klar, wer geht schon gern mit Angst-, Wut- oder sonstigen negativen Gefühlen um. Allerdings kann uns eine gewisse Form von Leid noch viel glücklicher machen: oft steckt hinter unseren größten Ängsten das Potential zum größten Glück.

„Suffering is an invitation to truth and the seed of happiness that’ll set you free.“

Eine meiner größten Ängste ist es, vor Menschenmassen zu sprechen. Es müssen nicht mal richtige Massen sein, selbst 5 bis 10 Leute, vor denen ich beispielsweise einen Vortrag halten muss, können mich mental total beängstigen.
Als ich in meinem Bachelor war, bewarb ich mich, ehrlich gesagt ziemlich unüberlegt, auf einen Job als Jugendteamer. Eigentlich hätte mir klar sein müssen, dass ich mich da öfters mal zum Affen machen muss und vor allem große Gruppen animieren muss, jedoch war es das nicht. Die ersten eins, zwei Jahre litt ich regelmäßig unter meiner Angst vor diesen Jugendlichen aufzutreten. Stimmen in meinem Kopf redeten mir immer wieder ein, dass mich eh keiner ernst nimmt, und dass ich das eben nicht kann – vor großen Menschen zu sprechen. Mit der Zeit wurde es besser, und mittlerweile fühle ich mich in diesen Situationen als Jugendteamer sogar wohl.

Nun zog ich ja vor einem Monat nach London und studiere hier auf Englisch. Wer die Angst mit mir teilt, vor Menschen zu sprechen, der kann sich vielleicht vorstellen, was für eine Riesen Herausforderung es jedes Mal für mich ist, wenn ich mich in einer Diskussion einbringe. Etwas zu sagen, okay, aber dann noch auf Englisch… Mein Herz schlägt so schnell, ich kann nicht mehr klar denken und habe Angst zu versagen. Ich hab keine Ahnung, woher diese Versagensangst kommt, ist mir doch rational gesehen klar, dass es auch nicht schlimm ist, wenn ich mich mal verhaspele. Aber genau, weil ich so viel Angst davor habe, passiert es mir manchmal, dass ich mich zu sehr unter Druck setze. Bin ich von Menschen umgeben, die ich ein bisschen besser kenne, oder habe ich einfach einen Tag, an dem ich mich sicher und gut fühle, habe ich keinerlei Probleme, mich auszudrücken. Aber manchmal, da macht mich diese Angst echt klein…

Durch Zufall bin ich wieder an einen Job geraten, in dem ich regelmäßig vor großen Gruppen sprechen muss. Ich hatte mich für eine Stelle als Coach für Kinder aus armen Verhältnissen beworben, um ihnen beizubringen, wie sie mehr Selbstbewusstsein und bessere Kommunikationsskills entwickeln können, um trotz ihrer Herkunft alle Türen im Leben offen zu haben. Schon als ich von diesem Job las, war ich Feuer & Flamme. Als dann das Assessment-Center stattfand, realisierte ich auf einmal, dass es nicht darum ging, einzelne Kinder zu coachen, sondern als Mentor vor ganzen Schulklassen aufzutreten. Während des Assessment-Centers mussten wir spontan kleine Coachingsessions performen, vor ca. 10 bis 12 Leuten. Plötzlich war sie wieder da: kurz bevor ich dran war überkam mich die große Angst, ich konnte kaum noch atmen, geschweige denn klar denken. Ich brachte die Aufgabe hinter mich und danach ein kurzes Bewerbungsgespräch, in dem ich aber immer noch nicht wieder denken konnte, weil ich so nervös war, und ich fühlte mich, als hätte ich auf ganzer Linie versagt. Am nächsten Tag erreichte mich dann eine Mail: ich wurde genommen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht wieso, und mein Gefühl war auch nicht sonderlich erfreut.

Am Samstag fand dann ein Training für diesen Job statt und wieder wurde ich mit meiner größten Angst konfrontiert: vor einer Gruppe von 10 Leuten animativ ein Spiel anleiten. „Hahahaha, das ist genau das, was du nicht kannst, Kira!“, flüsterte mir eine böse Stimme im Kopf. Den ganzen Tag saß ich da voller Anspannung, mit schwitzigen Händen und dem Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Das ist sie: diese starke Angst vorm Versagen. Ich weiß nicht genau, woher sie kommt und kann mich auch nicht an eine Situation erinnern, in der ich mal wirklich versagt habe. Aber dadurch, dass ich jedes Mal so nervös werde, kann ich natürlich nicht so souverän auftreten, wie ich gern würde. Am Samstagabend war ich dann ganz schön am Grübeln: soll ich den Job nicht einfach sein lassen? Schaffe ich das, jede Woche diese mentale Herausforderung zu überstehen?
Meine Entscheidung: nein, ich werde es nicht sein lassen. Und ja, ich werde es überstehen. Und auch wenn ich teilweise leiden werde, dann werde ich danach noch stärker rausgehen, weil ich irgendwann diese Angst, die ja auch nur ein Konstrukt in meinem Kopf ist, überwinden werde. Und dann kann ich vielleicht sogar mal richtige Reden halten vor einem Publikum, denn das bewundere ich total an anderen Menschen.

Und das ist ja der Grund, warum wir überhaupt leiden: jedes Leid bietet uns die Möglichkeit, als eine noch stärkere Person herauszugehen. Jedes Leid gibt uns die Chance, die beste Version von uns selbst zu sein ❤

„Out of suffering have emerged the strongest souls“ (Kahlil Gibran)

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