Macht Selbstfindung einsam?

Sich selbst finden. Sich selbst zum Ausdruck bringen. Zwei Dinge, nach denen immer mehr Menschen streben. Während dies meist auf beruflicher Basis passiert, bleiben andere Dinge oft auf der Strecke: Beziehungen, Nähe, Familie. Meine Perspektive ist sehr subjektiv, und doch möchte ich mal ehrlich teilen, was für mich die Schattenseite am sich selbst verwirklichen ist.

Ich saß heute Morgen im Bus von Paris nach London, wo ich über das Wochenende zu Besuch bei einer Freundin war. Mein Handy blinkte auf: eine Facebook-Erinnerung. Genau heute vor einem Jahr bin ich nach Kapstadt geflogen. Mir wich ein Lächeln über die Lippen und ich dachte darüber nach, wie dankbar und stolz ich bin, für all das, was ich mir in den letzten Jahren ermöglichen durfte. Oder: für alles, dass ich mir ermöglichen konnte. Ich bin der festen Überzeugung, dass unser Leben die Summe der Entscheidungen ist, die wir treffen, und dass jeder (zumindest in unserer Gesellschaft) zum größten Teil proaktiv bestimmen kann, wie er sein Leben gestalten kann.

Ich war also auf dem Weg von einer Traumstadt in die nächste, die mir so viele Möglichkeiten bietet, hatte eine wundervolle Erinnerung im Kopf und draußen schien die Sonne. Genügend Gründe also, um mit einem breiten Lächeln auf den Lippen aus dem Fenster zu sehen. Und dann überkamen mich doch Zweifel. Ich ließ das Wochenende Revue passieren, erinnerte mich an ein Gespräch Freitagnacht im Bett, als wir darüber sprachen, wie Instagram das Leben verändert bzw. wie sehr wir uns darüber darstellen.
Mich überkamen Zweifel, ob ich irgendwie überheblich geworden bin. Ob ich mich als was Anderes betrachte als andere Menschen? Manchmal überfordert mich diese Schere zwischen meinem kleinen Heimatdorf und dem großen London. Bei beidem habe ich irgendwie das Gefühl nicht 100% dazuzugehören. Neben all den Businessmenschen & Selbsverwirklichern fühle ich mich so klein und in meinem Heimatdorf, so sehr ich es auch liebe, fehlen mir manchmal einfach die Möglichkeiten, um dort wirklich langfristig zu wohnen. Muss ich nicht, das weiß ich, aber irgendwie kann es doch weh tun, nie so 100% irgendwo hinzugehören.

Es ging weiter: bin ich unfair geworden zu Menschen, die in meiner Kindheit & Jugend so einen großen Teil ausgemacht haben, weil sie einen “konventionelleren” Weg gegangen sind? Oder baue ich vielleicht eine Mauer um mich auf, weil ich mich tief in meinem Inneren doch nach Sicherheit und Nähe sehne und es nicht aushalte, wenn sie mir von ihrem “normalen” Leben mit ihrem Freund in ihrer gemeinsamen Wohnung erzählen, während ich seit 3 Jahren von Untermiete zu Untermiete tingele und jedes Mal, wenn ich mir einen tieferen Bekanntenkreis aufgebaut habe, die Städte schon wieder verlasse? Ich glaube, es ist nicht so extrem, wie es mir in diesem Moment vorkam, aber ich erwische mich immer wieder, wie ich mir einfach wünsche, fest irgendwo zu wohnen, eine richtige Beziehung zu führen, abends gemeinsam zu essen, sich mit altbekannten Freunden zu treffen und am Wochenende meine Eltern zu besuchen. Dieses ganz “normale” Leben halt.

Vielleicht ist das gerade der Preis, den ich zahlen muss, um mir beruflich die Tore zu öffnen, für das, was mich wirklich begeistert. Aber in mir drin da ist so eine tiefe Liebe für andere Menschen, und der ehrliche Wunsch, dass es allen gut geht. Ich fühle eine so tiefe Verbindung zu so vielen wundervollen Menschen und manchmal bricht es mir das Herz, dass ich einige meiner Freunde und meine Familie nur so selten sehen kann. Dass ich nicht so richtig an ihrem Leben teilnehmen kann.

Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich diesen Master machen darf und dass ich in London leben darf und schon so viel von der Welt sehen durfte. Ich sehe das als absolutes Privileg. Und doch freue ich mich auch irgendwie auf ein eigenes Zuhause mit Familie und Hund und Grillpartys am Wochenende auf dem Balkon von Freunden und mal wirklich in einer Stadt anzukommen. Wo und wann das sein wird, das weiß ich noch nicht, aber dass es sein wird, da bin ich mir ganz sicher.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nora sagt:

    Hallo Kira,
    dein Titel ist interessant. Während du einfach oft deinen Wohnort wechselst, werde ich tatsächlich damit konfrontiert, dass ich momentan so sehr mit mir selber beschäftigt bin, dass ich vergesse, Kontakt zu meinen Freunden zu halten. Daher ist der Gedanke sehr interessant, den dein Beitragstitel verbirgt. Erlaube mir, diesen Gedanken auf meinem Blog weiter zu spinnen – ich werde dich rebloggen! Ganz liebe Grüße und weiterhin alles Gute.
    Nora

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    1. Kira sagt:

      Liebe Nora, danke für dein Feedback! Das, was du beschreibst, ist glaube ich etwas, was vielen Menschen so geht. Daher freue ich mich, wenn du den Gedanken weiterführst – umso mehr Reflexion darüber, umso mehr können wir uns (und andere sich selbst) verstehen. Alles Liebe, Kira

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