Vom Mut Ich selbst zu sein

„The power of introverts in a world that can’t stop talking“. So lautet der Untertitel des Buches, das ich gerade lese. Ich kann mich, glaube ich, an keine Phase in meinem Leben erinnern, in der ich mich nicht irgendwie falsch gefühlt habe, weil ich schon immer eher ruhig war.
Als ich ein Kind war, habe ich meine Mama oft für mich sprechen lassen, in der Schule war ich nie diejenige, die Gruppenarbeiten angeleitet hat, auch in meinem ersten Job habe ich meine Ideen nicht so präsentiert, wie sie in meinem Kopf waren. Und nun bin ich in einem Land gelandet, in dem es nicht lauter und extrovertierter sein könnte: Engländer und Amerikaner und Australier sind wahnsinnig gut im Socialisen, Networken und sich selbst darstellen. Und ich? Ich höre lieber zu.
Das war lange ganz schön schwer für mich, und ich war mir sicher, dass ich etwas an mir ändern müsste. Es ist gar nicht mal so, dass ich wenig rede, in vertrauten Umgebungen könnte ich manchmal stundenlang erzählen. Aber in großen Gruppen, insbesondere mit unbekannten Gesichtern, finde ich es oft schwer, mich selbst zu präsentieren.
An meinem Geburtstag letzte Woche lief ich mit Hannah durch Shoreditch, und wir stöberten in einem Buchladen. Mir fiel sofort ein Buch in die Hand, und das nicht zum ersten Mal. „QUIET – The power of introverts in a world that can’t stop talking“, ich musste es einfach mitnehmen. Ich habe bisher erst ein Drittel gelesen, aber dieses Buch macht mir wahnsinnig viel Mut.
Mit dem großen Individualisierungsschub im letzten Jahrhundert hat sich der Fokus von kollektiven Klassen auf Persönlichkeit gerichtet. Seit den 30er Jahren fand in Amerika, und dann auch in Europa ein Wandel statt. Was einst unvorstellbar war, wurde jetzt Realität: seinen Job und sein Ansehen wurde einem nicht mehr durch die Familienzugehörigkeit zugeschrieben, sondern man hatte selbst in der Hand, welche Art von Job man ausführen würde. Dadurch standen einem natürlich (fast) alle Türen offen, aber gleichzeitig hieß das auch, dass man nun eine Persönlichkeit entwickeln musste, die andere in den Bann zieht. Und weil es sich seitdem noch viel mehr verschärft hat und die Möglichkeiten mittlerweile unendlich sind, fühlen wir uns wie in einem Konkurrenzkampf und lesen an jeder Ecke, dass alles darauf hinausläuft sein Können gut darstellen zu können & mit möglichst vielen Menschen in Kontakt zu kommen.
Ich möchte hier gar nicht anzweifeln, wie viele Vorteile dieser Wandel mit sich gebracht hat. Allerdings glaube ich auch, dass ein großer Teil der Menschen in dieser Welt den Kürzeren zieht. Studien zeigen, dass mindestens ein Drittel der Amerikaner eher introvertiert ist, und ähnliche Tendenzen kann man auch in Europa sehen.
Was bedeutet Introvertiertheit eigentlich? Oft wird es gleichgesetzt mit Zurückhaltung, Menschen, die nicht viel reden. Aber darum geht es im Kern gar nicht. Introvertierte Menschen ziehen ihre Energie aus Momenten, in denen sie allein sind, oftmals durch Lesen, Schreiben, oder kreativ sein. Extrovertierte Menschen hingegen saugen ihre Energie in Momenten auf, in denen sie von vielen Menschen umgeben sind. Per se ist erstmal nichts von Beidem schlecht, es ist nur eben anders. Tendenziell ist es auch schon eher so, dass Extrovertierte diejenigen sind, die eine Gruppe anführen, oder ein Gespräch leiten, und genau solche Menschen brauchen wir auf der Welt, um sie zu entwickeln. Allerdings brauchen wir genauso sehr introvertierte Menschen, da sie oft diejenigen sind, die reflektierter Dinge betrachten, an ihren eigenen Denkmustern zweifeln und damit ein breiteres Spektrum in Erwägung ziehen.

Ich weiß nicht, wie oft ich in meinem Leben schon gehört habe, dass ich „aber sehr ruhig“ bin, viel träume, oder hatte den Eindruck, dass Menschen meine Meinung nicht so wirklich schätzen, vielleicht weil ich sie nicht so präsentieren kann, wie andere das tun. Aber ehrlich gesagt möchte ich das auch gar nicht. Ich bin eigentlich ziemlich happy, dass ich so gern zuhöre, und Menschen damit Raum für ihre Ideen gebe & mich selbst inspirieren lassen kann. Ich habe mich lange Zeit immer so ein bisschen gezwungen, mehr aus mir rauszukommen, in großen Gruppen zu sprechen oder zu networken. Aber wenn ich den Bedarf danach nicht fühle, dann bin das nicht ich, dann ist das nicht authentisch. Ich glaube, das kann auch gar nicht richtig funktionieren, wenn es nicht aus voller Überzeugung entsteht. Ich möchte mir deshalb wieder mehr Raum geben ich zu sein, still zu sein, einfach nur zuzuhören. Und ich bin mir ganz sicher, dass ich erfolgreich in dem sein kann, was ich tun möchte, auch wenn ich nicht der größte Speaker bin. Unsere Welt zeichnet sich aus durch unsere Vielfältigkeit, und es wäre viel zu schade, unsere Individualität nicht auszuleben. Denn die Welt braucht uns genauso wie wir sind.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. lyricfactory sagt:

    Liebe Kira, liebe Schwester im Geist,

    danke für deinen Text! Dazu passt mein Gedicht „Die Leisen“ auf
    https://lyricfactory.net . Magst du mal gucken?

    Einen wunderbaren, stillen Sonntag wünsche ich dir!
    Friederike

    Gefällt 1 Person

    1. Kira sagt:

      Liebe Friederike,

      das klingt total schön, ich werde gleich mal vorbeischauen 🙂
      Hab einen wundervollen Mittwoch!
      Alles Liebe,
      Kira

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