Zeit = Geld?, oder: 30h-Woche

Ich bin aufgewachsen mit zwei Eltern, die beide Vollzeit berufstätig sind. In meinem Umfeld arbeitet fast jeder 40, oder zumindest 38 Stunden pro Woche. Und trotzdem hat es sich für mich nie richtig angefühlt, so viel Zeit auf der Arbeit zu verbringen.

Als ich letztes Jahr im Herbst in meinen aktuellen Job gestartet bin – das erste Vollzeit-Angestelltenverhältnis seit drei Jahren -, war eins der zentralen Themen für mich die Arbeitszeit. Nun kommt dazu, dass ich ja ländlicher wohne als zuvor und pro Strecke 45 Minuten zur Arbeit brauche. Ich wusste, dass es mir zu viel sein würde, 40 Stunden die Woche zu arbeiten plus mindestens 7,5 Stunden Fahrzeit aufzubringen. Also verhandelte ich im Bewerbungsgespräch, 35 Stunden pro Woche zu arbeiten.

Nun, nach einem halben Jahr, habe ich festgestellt, dass ich gern noch mehr Zeit für mich, für meine Liebsten, für andere Interessen, für Kreativität hätte. Das Gefühl schlummerte bereits seit Wochen in mir, und doch hatte ich immer wieder Zweifel: „Wieso solltest du nur 30 Stunden arbeiten? Du hast keine Kinder, musst niemanden pflegen, hast keine großen Verpflichtungen neben der Arbeit.“ Doch das Gefühl war stark.

Ich finde, dass Zeit ein enorm bedeutsames Gut ist, das ich bewusst verbringen möchte. Es ist mir wichtiger, Zeit und Ruhe für meine Freunde, meine Familie, meinen Freund und mich selbst zu haben als ein bisschen mehr zu verdienen. Dazu kommt, dass ich meine Zeit auf der Arbeit viel sinnvoller einsetze, wenn sie begrenzt ist und ich an anderer Stelle ausreichend auftanken kann.

Ich weiß, dass diese Situation, aus der ich spreche, ein absolutes Privileg ist. Es gibt unzählige Menschen und Berufsgruppen auf der Welt, die diese Entscheidung nicht einfach treffen können, da sie auf ihr sowieso geringes Einkommen angewiesen sind oder aber in einer Tätigkeit arbeiten, in der ein dauerhafter Betrieb sichergestellt werden muss. Und doch frage ich mich, warum dieses klassische Modell einer 40-Stunden-Woche in unserer Gesellschaft immer noch so weit verbreitet ist und oft nur Eltern oder pflegende Personen in Teilzeit arbeiten. Es gibt so viele Beispiele, die beweisen, dass verkürzte Arbeitszeit uns Menschen UND Unternehmen gut tut – und trotzdem wird Produktivität meist mit Arbeitszeit gleichgesetzt.

Ich hoffe, dass wir in Zukunft ein bisschen anders darüber denken können. Ich hoffe, dass es legitimer wird, ein anderes Modell als die klassische Vollzeit-Beschäftigung zu wählen. Und ich hoffe, dass wir in den privilegierten Gesellschaften lernen, dass Glück im Leben nicht gleichgesetzt wird mit einer hohen Arbeitsauslastung und mehr Geld.

Ich suchte in der letzten Woche das Gespräch mit der Geschäftsleitung, schlug eine Arbeitszeitreduzierung vor und wir einigten uns. Ich bin gespannt, wie diese Erfahrung wird und freue mich auf einen Sommer mit viel selbstbestimmter Zeit.

Wie sind eure Erfahrungen? Wie empfindet ihr eure Arbeitszeit?

Ich schicke euch viel Liebe 🙂

Kira

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Helen sagt:

    Hi Kira,
    ich bin zwar selbst noch Studentin, aber ich kann deine Gedanken und Empfindungen total nachvollziehen. Ich kann mir auch nicht wirklich gut vorstellen, 40 Stunden zu arbeiten, bzw. würde ich lieber nebenbei noch andere Projekte vorantreiben oder mich freiwillig engagieren. Ich bin gespannt, wie es dir mit der 30-Stunden-Woche so geht 🙂 und ich teile deine Hoffnungen, dass sich in der Arbeitswelt etwas verändert.
    Liebe Grüße, Helen

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    1. Kira sagt:

      Liebe Helen,
      es freut mich zu hören, dass es dir genauso geht! Ich finde auch, dass es so viele andere Dinge gibt, für die es sich lohnt, Zeit zu priorisieren!
      Ich berichte gern darüber und würde mich freuen, auch von deinen Erfahrungen zu lesen.
      Alles Liebe,
      Kira

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      1. Helen sagt:

        Hey Kira,
        freut mich, ich werde auch berichten, wenn es was zu berichten gibt. 😀
        Allerdings möchte ich mich zum Herbst um ein Volontariat bewerben und glaube fast, da komme ich um 40 Stunden nicht herum… aber für ein, zwei Jahre finde ich das auch voll okay.
        Liebe Grüße 🙂

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